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Effective Evangelism - Ein Vortrag von Jon "maddog" Hall

von Bruno Hopp und Lars Packschies (Fotos)

Wenn Jon "maddog" Hall durch Europa tourt, dann ist das für viele Linuxanhänger ein besonderes Erlebnis: Er ist bekannt für charismatische Ausstrahlung und seinen lebendigen Vortragsstil, der durch seine jahrzehntelange Erfahrung als akademischer Lehrer (in computer science) und sehr engagierter Programmierer und Berater bemerkenswerten Tiefgang bietet.

John "maddog" Hall
John "maddog" Hall

Am 15. November 2002 hatte das Zentrum für Angewandte Informatik (ZAIK) der Universität zu Köln gemeinsam mit der lokalen Kölner Linux Usergroup (http://www.uni-koeln.de/themen/linux/) und der GUUG den Vortrag organisiert. Dank der Universität zu Köln konnte ein Hörsaal für die rund fünfzig Besucher des Vortrags gefunden werden, die überwiegend aus dem Kölner Bereich, aber auch aus Düren, Aachen, Siegen, Dinslaken und Wuppertal den Weg gefunden hatten.

Maddogs in Englisch gehaltener Vortrag trug den Titel "Effective Evangelism" und konzentrierte sich in der Hauptsache auf die Frage: Wie sollte ein überzeugter Linuxanwender oder -entwickler argumentieren, um seiner Umwelt sein Engagement mit allen Vorzügen überzeugend zu präsentieren?

Wurzeln

Maddog beginnt mit kurzen Erinnerungen an die Zeit, als Großrechner (mainframes) und Unix-Workstations für unvorstellbare Summen zu erhalten waren. Es gab Sammlungen von Software (DECUS), in denen wie in einer Bibliothek verschiedenste Open Source Tools zusammengestellt waren.

Eine lebhafte Kultur des "hier stelle ich der Allgemeinheit etwas zur Verfügung", die sehr stark im akademischen Selbstverständnis vom freien Austausch der Ideen und der freien Rede als Grundrecht wurzelte, umfasste eine Mehrheit der Computeranwender. Damalige Verhältnisse sollte man sich auch heute vor Augen halten - die letzten Jahre aktiver Mitarbeit an Linux bekommen dann erst einen vollkommen neuen Stellenwert.

Vorüberlegung

Um Linux im eigenen Umfeld - z. B. beim eigenen Arbeitgeber, bei den Kollegen und Freunden - , aber auch als Selbständiger seinen Kunden gegenüber nach außen erfolgreich darstellen zu können, gibt es einige Punkte zu beachten:

  • Zu wem spreche ich?
  • Welche Interessen bewegen den- bzw. diejenigen, zu denen ich spreche?

Maddog betont, dass es signifikante Gruppen mit markanten Eigenschaften gibt und ein intelligenter Linuxanwender gut daran tut, diese Eigenschaften zu beachten und gezielt anzusprechen.

Zielgruppen

Er bezeichnet die kommerziellen Anwender (business people), die Vertreter von Bildungseinrichtungen (Schulen, Hochschulen) und die Anwender aus dem Bereich der öffentlichen Einrichtungen bzw. der Regierung (government) als eigenständige Gruppen.

Zunächst zu den kommerziell orientierten Anwendern: Hier geht es darum, dass das höchste Ziel eines Unternehmens ist, Geld zu verdienen. Daran ist an sich nichts Schlechtes, garantiert doch erst der kommerzielle Erfolg Beschäftigung, Einkommen und Prestige. Zentral ist die Orientierung auf bessere Produkte bzw. bessere Dienstleistungen als Instrument der Kundenbindung. Einsparen von Ausgaben ist finanziell genauso bedeutsam wie (zusätzliches) Geld einzunehmen. Linux kann hier in vielfältiger Weise eingebracht werden. Weiter ist Linux geeignet, unternehmerische Risiken zu minimieren: Die Stabilität, Flexibilität und seine freie Verfügbarkeit sind aus Unternehmerperspektive geldwerte Vorteile. Weiter profitiert die Gesellschaft als Ganzes so vom Unternehmen: Arbeitsplätze werden gesichert oder neu geschaffen, vorhandene Ressourcen werden besser genutzt.

Die nächste Anwendergruppe siedelt maddog im Erziehungssektor an: Schulen und Hochschulen sollen Bildung und Ausbildung vermitteln, einen "mündigen Bürger" erziehen (Ideal vom "thinking electorate"). Linux bietet enormes Potential, um hier Kosten einzusparen und frei von einschränkenden Lizenzen wissenschaftliches Denken und Arbeiten zu ermöglichen. Die Möglichkeit, source code lesen und auch aktiv ändern zu dürfen, stellt natürlich in der Ausbildung einen eminenten Vorteil dar.

Wem gehört was?
Wem gehört was?

Die Gruppe behördlicher Interessenten (govern­ment) in den öffentlichen Verwaltungen hat wiederum eigene Ziele und Bedürfnisse: Der Regier­ungsapparat soll für zahlreiche Aktivitäten - etwa Handel und Arbeit, Erziehung, die Gesundheit - stabile und positive Rah­men­bedingungen schaf­fen. Linux bietet auch hier wieder enorme Potentiale: sichere und stabile Kommunikationswege, freie Verfügbarkeit, Kontrollierbarkeit aufgrund von open source Code.

Historisches

Maddog macht einen kurzen Abstecher in die Geschichte der freien Software:

  • 1969 propagiert die DECUS den Austausch frei verfügbarer Software,
  • 1969 startet Unix auf einer PDP-7 in den Bell Labs.
  • 1983 startet die USENIX, 1984 startet das GNU Projekt (Richard Stallman),
  • 1991 die Free Software Foundation (FSF), im selben Jahr beginnt ein bislang unbekannter finnischer Student namens Linus Torvalds, an einem neuartigen Betriebssystem zu schreiben.

Der Bildungssektor

Maddog führt die vorher holzschnittartigen Bemerkungen etwas detaillierter aus: In Ausbildung und Erziehung ist ein Betriebssystem von Vorteil, wenn es sehr verbreitet und leicht zugänglich ist. Linux im source code untersuchen zu können, liefert Sicherheit vor unliebsamen Überraschungen, und eine breite Palette unterstützter Hardware erlaubt den flexiblen Einsatz in unterschiedlichsten Umgebungen. Auch hier wird durch die Unabhängigkeit von rein kommerziellen Angeboten Einsparpotential realisiert.

Der Vortrag war gut besucht
Der Vortrag war gut besucht

Als anschauliches Beispiel führt maddog eine Testumgebung für eine neu zu entwickelnde Turbine an: Eine Folie seines Vortrags zeigt eine Turbinenanlage in St. Petersburg, eine von gerade mal fünf weltweit verfügbaren Anlagen. Die Ansteuerung und Kontrolle einer derart komplexen Anlage mittels proprietärer, kommerzieller Software ist enorm teuer und nur zeitraubend zu realisieren. Eine web-basierte Steuerung mittels der Open Source Lösungen Linux, Apache Webserver, MySQL Datenbank und Perl war dann enorm preisgünstig, schnell verfügbar und ideal kontrollierbar.

Kooperationen

Im Folgenden macht Jon "maddog" Hall Anmerkungen zu Kooperationen im kommerziellen Umfeld: Unternehmerische Aktivität ist nicht nur durch Konkurrenz geprägt. Die Weiterentwicklung des NFS V.4 Codes, den Sun Microsystems zusammen mit der University of Michigan betreibt, ist ein schönes Beispiel - beide Seiten profitieren von dieser Kooperation. Standardisierung als Bemühen um akzeptierte Gemeinsamkeiten bietet allen Beteiligten Vorteile in Form von erleichtertem Austausch (von Waren, Dienstleistungen und Finanzen). Im Umfeld von Linux sind vielfältige Aktivitäten zur Standardisierung zu beobachten: LPI (Linux Professional Institute) bietet anerkannte Zertifizierungen in der Aus- und Weiterbildung unabhängig von Distributoren oder Herstellern an. Linux Free Standard Group und die Linux Standard Base arbeiten an distributionsunabhängigen Richtlinien für Software.

Regierung und Verwaltung

Nun kommt maddog auf die dritte Gruppe von Interessenten zu sprechen: Anwender in Regierung, Militär und Verwaltung. Zentral ist hier die Frage: Wem vertraue ich? Anwender in diesem Sektor sorgen sich signifikant weniger um Gewinne oder Finanzen, müssen sich dafür aber mit Fragen plagen wie:

  • Wie lange wird ein (kommerzieller) Anbieter am Markt bestehen?
  • Wie lange wird ein (kommerzielles) Produkt angeboten?

Eine nette Reminiszenz wird mit Janus, einem Simulationsprojekt der Nato, angesprochen: früher teuer, weil mit proprietärer Software gesteuert, wird es heute unter Linux in einer Vielzahl von Implementationen zur Ausbildung genutzt.

Maddog kann eine Reihe eigener Erfahrungen beisteuern. Reine Größe eines Unternehmens hat Data General oder Digital nicht vor dem Untergang bewahrt. Produkte wie Windows 3.1, Office97 und andere waren schnell veraltet und werden nicht mehr unterstützt - sogenannte "Industriestandards" lösen sich in heiße Luft auf.

Anwender im Regierungs- oder Behördenumfeld sorgen sich um Fragen wie Schutz auch von Minderheiten, Einsparen von Ausgaben, leichter Zugang. Wieder bietet Linux hier hervorragende Antworten: Es bietet Anpassbarkeit für Behinderte wie für sprachliche Minoritäten, es ist kostenneutral und ohne Lizenzdruck einsetzbar, erfordert keine langwierige Einarbeitung oder Lernphase.

Lizenzen

Maddog betont wie wichtig es ist, den potentiellen Linuxanwender von morgen ernst zu nehmen: Stellen Sie ihm gelassen die Frage, ob er jemals den Lizenzvertrag eines kommerziellen Softwareanbieters GENAU gelesen hat. Wenn man diese Formulierungen genau betrachtet, ist mancher zu Recht geschockt - keine Zusicherung irgendeiner Funktionalität, nicht einmal dass die Setup-Routine funktioniert? Weiter die Frage: Wieviele Lizenzen besitzen Sie bzw. setzen Sie ein? Allein hier tummeln sich zahlreiche Akteure wie Abmahnvereine, die "vergessene" Lizenzen oder nicht angemeldete Installationen kommerzieller Software mit horrenden finanziellen Forderungen honorieren - Linux ist hier wieder der Rettungsanker. Weiter ist zu fragen, ob der Interessent schöne Schlagworte, etwa "shared source" von Microsoft, verstanden habe. Kein Unternehmen wird zentrale Instrumente seines Geschäftserfolges einfach so mit jedermann teilen wollen - warum sollte es denn?

Maddog ist auch ein guter Zuhörer
Maddog ist auch ein guter Zuhörer

Ausblick

Tja - damit ist die knappe Zeit für den Vortrag nun beinahe ausgeschöpft. Zeit für instruktive Fragen und Antworten bleibt noch. Jon "maddog" Hall hat temperamentvoll, mit kräftiger Dreingabe persönlicher Erfahrung spannend erzählt. Einer aus der "alten Garde", intensiv zuerst mit Unix in Kontakt, engagierter Begleiter und Vorkämpfer für Linux seit den ersten Tagen: ein Vorbild, was fachliche Kompetenz und verständliche Kommunikation angeht. Sehr eindringlich hat er heute Abend vermittelt, dass Linux ein Phänomen ist, das viele Bereiche nachdrücklich berührt: die Wirtschaft, den freien Bürger, den Schutz der Privatsphäre aller Bürger, die rechtlichen Grundlagen der Gesellschaft und vieles mehr. Mir persönlich scheint: Wir brauchen viel mehr solch engagierte Bürger, die uns mit klarem Kopf und guten Argumenten helfen, den eigenen Blick für die Realitäten zu schärfen.

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