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Ein sommerliches Potpourri

oder

Was übrig bleibt, ist Kultur (?)

von Snoopy (snoopy@snoopix.de)

Ouverture

In dieser Glosse möchte ich ein paar "Loose Ends" aufgreifen, die sich aus früheren Glossen ergeben haben. Da habe ich nämlich von freundlichen Lesern jede Menge Input bekommen und daher möchte ich da ein paar Dinge weitergeben. Ihr sollt Euch ja nicht umsonst bemühen.

Ich bin immer sehr dankbar, wenn ich Anekdoten etc. erhalte. NUR HER DAMIT. Ich kann sie manchmal nicht gleich verwerten, aber irgendwann kommt der Benedikt mit einem Thema daher, das dann passt und dann wird die Anekdote verbraten. Versprochen.

Daher ist diese Glosse so eine Restaufbereitung. Ob es Kultur ist, muß wohl jeder für sich selbst entscheiden.

1. Satz - Unser Freund der Strom...

Zwei sehr bizarre Episoden in Bezug auf Stromausfälle wurden mir nach meinem Vortrag auf der IT-Defense Konferenz angetragen. Eine davon ist aber gar nicht lustig, sondern wirklich bitter. Naja, eigentlich sind beide ziemlich heftig.

Achtung: die Beteiligten dieser Episoden, die sich vielleicht wieder erkennen, mögen mir bitte verzeihen. Mir wurden nur ein paar Fakten gesagt. Die dramaturgische Ausschmückung (mit anderen Worten: Euch zu HELDEN machen), habe ich verbockt. Soll ja schliesslich auch unterhalten.

Episode 1 - Zeit ist relativ

Es begab sich zu jener Zeit ein Sysadmin in seinen Rechner-Raum (gekühlt, isoliert, schalldicht, wenig frequentiert) um ein neues SPARC Center in Betrieb zu nehmen. Das ist in diesem Fall ein richtig großer Hobel, viel CPU, viel Feind, viel Ehr und viel Frikassé. Die Firma unseres Opfers hat bereits einen solchen Hobel in Betrieb, Oracle für ca. 1.200 User online, ein paar andere Dienste, das Ding ist Wichtig mit groß-W.

Unser argloses Opfer legt also die Solaris CD ein, installiert und konfiguriert ein paar Tage so vor sich hin. Er gewöhnt sich daran, dass die neue Maschine direkt neben der produktiven Maschine steht. Er ist aufmerksam und wach.

Eines Tages ist er wieder am Konfigurieren, aber weniger wach. Weniger aufmerksam. Er bemerkt nicht, die drohende Gewitterfront, die sich über seinem stressgeplagtem Gehirn zusammenbraut.

Er ist mit der Konfiguration für heute fertig.

Er führt die Hand zum Power-Knopf, sein Körper kennt die Bewegung, er sieht gar nicht hin.

Das ist ein Fehler.

Er hat seinen Daumen auf dem Knopf und drückt ihn in die Vertiefung.

Der Knopf sagt "KLICK". Er hat unser Opfer gehört und tut wie geheißen.

Unser Protagonist möchte seinen Daumen aus der Vertiefung wieder entfernen.

Sein Blick fällt auf den Maschinen Namen.

Er hat seinen Daumen noch auf dem Power-Knopf des PRODUKTIV-SERVERS.

Er bricht in kalten Schweiss aus. Jemand unsichtbares schlägt ihm in die Magengrube.

OK, was nun?

Nun, denkt sich unser Opfer: besser die Maschine mitten unter Tags richtig mit Shutdown runterfahren, als einfach den Knopf loslassen. Besser alle sind ein wenig genervt, als das es korrupte Datenbanken, File-Systeme etc. gibt.

Die Konsole des Servers ist auf einem anderen Tisch und für ihn unerreichbar, sofern er den Knopf nicht loslassen will. Er ist 1,83 Meter gross. Das ist die Länge seiner ausgestreckten Arme. Das hat er mal irgendwo gelesen, alle möglichen Gedanken rasen durch seinen Kopf. Sein Leben begrenzt sich auf einen Radius von 1,83 Metern. Dies ist seine Hölle. Seine ganz persönliche Hölle von 1,83 Metern Durchmesser.

Er will das nicht. Er will nicht loslassen.

Er kramt unter akrobatischen Verrenkungen (die locker für ein Engagement im Chinesichen Staatszirkus als Gummi-Mensch reichen würden) seine Brieftasche hervor. Er faltet mit seinem Mund und der freien Hand Geldscheine und versucht sie in die Lücke zwischen Knopf und Gehäuse zu drücken, damit der Knopf nicht rausspringt.

Es nutzt nichts. Der Knopf hat eine objektive, gnadenlose Kraft. Er darf nicht loslassen.

Seine Hand und sein Arm schmerzen. Es blickt auf die Uhr, er sitzt nunmehr fast eine Dreiviertelstunde in dieser verkrampften Haltung. Eine verdammt lange Dreiviertelstunde. Die Zeit rast nur so vorbei, wenn man Spaß hat.

Er hat keinen Spaß. Er hat Schmerzen.

Warum, verdammt nochmal, kommt denn niemand in den Rechner-Raum?

Er sucht seine erreichbare Umgebung ab, nach Dingen, mit denen er den Knopf fixieren kann. Zumindest für so ein bis zwei Minuten. So lange meint er zu brauchen, um die richtige Konsole zu finden, einzuloggen und den Server runterzufahren. So rechnet er. Nur zwei Minuten. Nur zwei Minuten braucht er, um dieser Hölle zu entrinnen. Hoffentlich hat der Hans auf der Konsole nicht wieder so viele blöde Fenster auf, so das er nicht lange suchen muss.

Er findet eine Büroklammer. Sie bringt auch nichts. Zahnstocher gibt´s hier auch nicht. Ist ja nicht die Kantine.

Das Haustelefon ist unerreichbar. Sein Handy liegt in seinem Büro, ginge hier drin eh nicht. Faradayscher Käfig heißt das, glaubt er. Er muß kurz Auflachen, dass ihm gerade jetzt diese nutzlose Tatsache einfällt.

Er findet Streichhölzer und überlegt sich, ob er damit etwas anzündet um Feueralarm auszulösen, damit Hilfe kommt. Aber evtl. geht dann der Sprinkler los und macht Alles kaputt. Das geht nicht. Es würde auch niemand zu ihm kommen. Alle würden das Gebäude verlassen.

Er ist allein. Sehr allein. Er weiß, wie sich Neil Armstrong auf dem Mond fühlte.

Sein Mond misst 1,83 Meter.

Die Lamellen der Server-Frontplatte grinsen hämisch. Er sieht es genau.

Die Schmerzen in seinem Arm erreichen den Brustkorb und umklammern sein Herz mit einer tödlcihen Umarmung. Er schwitzt, trotz der Kühlung im Rechner-Raum. Er muß dringend pinkeln. Ihm wird schwindelig. Er wußte nicht, dass sein Herz so schnell schlagen kann.

Er ist am Ende.

Nach fast zwei Stunden Folter geht die Zugangs-Schleuse auf und ein Kollege betritt die Hölle. Nachdem er den Schreck beim Anblick seines zerzausten Kollegen überwunden hat, fährt der Retter den Server herunter.

Er darf den Knopf jetzt loslassen. Er ist nicht in der Lage sich zu freuen.

Er fährt nach Hause.

Seine Frau ruft aus der Küche: "Hattest Du einen guten Tag im Büro, Schatz?"

Er bricht noch im Flur zusammen. Das Kreischen seiner Frau nimmt er gar nicht mehr wahr.

Wie beim DSF: Mittendrin, statt nur dabei...und falls Euer Chef mal fragt: "Was macht ihr Sysadmins eigentlich so?", dann zeigt ihm diese Glosse.

Episode 2 - H.R. Giger lebte im RZ

Es gibt ja Szenen im Leben, die erinnern einen an diese Alien-Filme, für die dieser wahnsinnige Künstler H. R. Giger diverse menschliche Urängste radikal in der Form des schleimtriefenden Alien-Wesens visualisiert hat.

Mir geht es zum Beispiel so, wenn ich so Berichte von CSU-Parteitagen im (bayerischen) Fernsehen goutieren muß und der Ober-Alien (vulgo: Landesvater) sein bajuwarisches Gestammel in die tosenden, bierseligen Massen wirft. Mit dem Problem bin ich aber wohl weitgehend alleine, zumindest in Bayern.

Aber es geht noch viel schlimmer. Sehr viel schlimmer. Unser Freund und Helfer, der Strom, macht ja das Unmögliche machbar und das Machbare bequem.

So geschehen in einem RZ in unserer Galaxis. Die Szene: ein ganz normaler Tag. So wie bei dem Film "Falling Down" war es Anfangs ein ganz normaler Tag. Es hat gedauert, bis der Zug der täglichen Routine entgleiste, aber dann richtig mit hohem Kollateral-Schaden.

Es halten sich mehrere Mitarbeiter einer großen Firma im RZ auf.

Der Feueralarm geht los, die Sirenen heulen. Der Strom fällt aus. Dank USV laufen die Maschinen im RZ noch weiter. Sie haben 90 Sekunden um den Raum zu verlassen, bevor der Raum mit Kohlendioxid geflutet wird. Ist ja schliesslich Feueralarm.

Keine Panik. Keine Panik. Wir nehmen jetzt die Taschenlampen, die für den Fall installiert sind. Sie hängen überall an der Wand. An ihnen blinkt freundlich eine kleine blaue LED und wir finden damit rechtzeitig den Ausgang.

Die Taschenlampen sind gefunden. Es stellt sich heraus: der Strom in den Akkus reicht für die LEDs, aber nicht für den ordnungsgemässen Taschenlampen-Betrieb. Wohl jahrelang nicht gewartet worden. Das RZ ist dunkel und bleibt dunkel.

Die Zeit läuft. Sie tasten sich in der industriellen Dunkelheit, stolpernd in Richtung Zugangsschleuse. Sie ist die einzige Möglichkeit den Raum zu verlassen.

Die Schleuse ist tot.

Die Schleuse hängt nicht an der USV.

Die Schleuse ist zu. Gnadenlos zu.

Die Gesichter der Mitarbeiter verwandeln sich im flackernden Schein der orangenen Blinklichter in angstverzerrte Grimassen. Wie bei diesen Alien-Filmen, wo es nur Dunkelheit, Dampf, irres Licht und eine tödliche Gefahr gibt.

Sie schreien in ihrer Angst, macht die Tür auf, macht die Tür auf!

Sie stolpern wild durcheinander, übereinander, raus, raus, raus!

Sie versuchen mit einem Drehstuhl die erste Tür zu zertrümmern. Es ist eine stabile Tür. Und danach wartet noch eine zweite Tür.

Zwei Türen zwischen Leben oder dem sicheren Gastod.

Von den 90 Sekunden ist nicht mehr viel übrig.

Sie wummern, sie hauen, sie schreien. Sie bekommen die Tür auf und die zweite auch.

Sie stolpern in den dunklen Gang nach draussen. Gottseidank, Gottseidank.

Im RZ zischen die Kohlendioxid-Flaschen ihre süssliche Symphonie des Todes.

Die Moral von der Geschicht´: vergesst die USV für die Schleuse nicht!

Episode 3 - Auch grosse Firmen trifft es...

Hier eine Mail, die mir Gerald Huber weitergeleitet hat, von seinem Internet-Provider QSC:

Guten Tag!

Mit dieser E-Mail möchten wir Sie nachträglich
über die Gründe des Ausfalls der Einwahlplattform in der
Zeit vom 16.05.06, ca. 19:00 Uhr, bis zum 17.05.06, ca. 21:00 Uhr
informieren.

Die Hauptursache für den Ausfall der
Einwahl- und Mailserver war ein Stromausfall im Frankfurter
Rechenzentrum. Um die Funktion der Server auch während eines
Stromausfalls sicherzustellen, wird automatisch eine Backup-Leitung
über einen Notstrom-Generator geschaltet. Eine fehlerhafte
Steuereinheit dieses Generators verursachte jedoch Spannungsspitzen,
die nicht von den USV-Einheiten (unterbrechungsfreie Stromversorgung)
aufgefangen werden konnten. Dies führte letztendlich zum
Komplettausfall der Server.

Die Geräte wurden so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass die
Instandsetzung bis in die Abendstunden des 17.05.06 andauerte. Durch
den kompletten und überraschenden Ausfall einer der wichtigsten
Servereinheiten war es uns leider nicht möglich, eine Warnmeldung zu
senden, da weder der Internetzugang noch die Webseite(n)
funktionierten.

Wir möchten uns aufrichtig für die Unannehmlichkeiten entschuldigen
und bedanken uns für Ihr Verständnis.

Viele Grüße aus Aachen!

-Internet Support Center-

WOW - das waren 26 Stunden downtime, nur wegen Spannungsspitzen. Ich sags ja: Stromausfälle sind furchtbar clever.

2.ter Satz - die Capri-Fischer

Dieses Phishing greift ja immer mehr um sich, besonders die Banken werden immer dreister. Sie bedienen sich dabie ganz traditioneller Datenträger: dem Papier.

So geschah es, dass der Dirk Wetter (noch so ein Dragomir von der IT-Defense :-) von seiner Postbank ein Schreiben bekam. Es war sehr persönlich, es war sogar handschriftlich! Naja, denkt sich Dirk, dann ruf ich die Dame halt mal an.

Er ruft also wie gebeten bei seiner Zweigstelle an. Dort wird ihm allerdings gesagt, dass die Frau So-und-so leider im Urlaub ist, aber jetzt wo Sie schon am Apparat sind, haben wir so ein gutes Angebot für Sie...bla bla bla.

Dirk würgt ihn ab. Und sieht sich den Brief näher an. Tatsächlich ist er NICHT handgeschrieben, sondern perfide gut in so einem Handschrifts-Font gedruckt. Er hat mir den Brief geschickt, als Scan evtl. kann der Benedikt ihn ja hier irgendwo abdrucken.

Dirk hat gesagt, dass auch einige andere Kunden der Postbank solche Briefe bekommen haben.

Eduard Zimmermann, Moderator der beliebten Sendung "Nepper, Schlepper, Bauernfänger," warnt: Wenn Sie solche Briefe erhalten, dann rufen Sie nicht an. Man will Sie nur in ein Verkaufsgespräch verwickeln und Ihnen etwas andrehen.

Sehr beliebt ist es neuerdings auch, einfach mit der gesetzlichen Keule zu drohen. So erhielt ich ein Schreiben von meiner Bank, das da drohte: "Aufgrund § 19 des Kreditwesensgesetzes, sind wir gezwungen die Kreditwürdigkeit unserer Kreditnehmer zu überprüfen." Und sie fügen gleich einen Fragebogen bei, 17 SEITEN! Als ob ich für so was Zeit hätte. Und selbst wenn ich sie hätte, würde ich sie mir für so was nicht nehmen.

Selbstverständlich wird auch nach ORIGINALEN gefragt von Steuerbescheiden etc. etc. Und natürlich auch die von meinem Alpha-Weibchen. Dabei ist die gar kein Kreditnehmer! Sehr dreist.

Vor allen Dingen: die LüGEN. Oder wie Franz-Josef Strauß (Idi Alpin) sagte: sie sagen bewusst die Unwahrheit.

In dem Gesetz steht nämlich (Google sei Dank!), dass die nur bei KreditVERGABE prüfen müssen. Sie KÖNNEN aber auch auf die Prüfung verzichten, wenn z.B. die Kreditsumme EUR 750.000 nicht übersteigt. In der Tat erfüllte mein Kredit KEINES der Kriterien, wonach geprüft werden muß!

Zum Glück, war da eine E-Mail Adresse auf dem Schreiben. Da war es einfach eine entsprechend geharnischte Mail loszulassen (DAFÜR nehme ich mir dann die Zeit) und dann war Ruhe im Karton.

Coda

Leider habe ich nicht den Platz hier noch andere wichtige Themen anzuschneiden. Aber es gibt ja weitere Glossen-Slots. Ich dachte da in etwa an folgende Themen:

  • Vom Umgang mit Maut-Daten
  • Sabotage bei VoIP
  • Kamera-überwachung und unsere unbestechlichen Innenminister
  • Schlechte GUIs bei Geldautomaten
  • Der sprachliche Verfall in den Massen-Medien

Es kann natürlich sein, dass sich die Themen für die nächste Ausgabe aus aktuellem Anlass ändern. Wir bitten um Verständnis. :-)

Im übrigen bin ich der Meinung ein jeder sollte einen Organspende-Ausweis bei sich tragen. (http://nephrologie.charite.de/download/organspendeausweis.pdf)

Bis denne,

Love,

Snoopy

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Frühjahrsfachgespräch 2017
21. bis 24. März 2017 an der TU Darmstadt
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